Martha Gellhorn

Facts and Fiction

Willkommen zu unserem Faktencheck zum Live-Hörspiel Martha Gellhorn - Stimme des Krieges. Hier werfen wir einen genaueren Blick auf die Figuren, Orte und Ereignisse des Stücks und erzählen euch, was sich historisch belegen lässt, welche Freiheiten wir uns genommen haben und welche erstaunlichen Tatsachen es nicht ins Hörspiel geschafft haben. | Text: Dario Brockschmidt

Spoiler-Warnung:

Diese Seite ist als Lektüre nach dem Theaterbesuch gedacht. Falls du unser Live-Hörspiel noch nicht gesehen hast, lese am besten nicht weiter, um dich nicht spoilern zu lassen.


Martha Gellhorn (1940) | Bildquelle


Inhalt

Prolog

In der ersten Szene des Stücks wird mit dem Spanischen Bürgerkrieg bereits eine historische Bühne bereitet. Die vier vorgestellten Figuren sind hier natürlich erfundene Stellvertreter für die Bevölkerung Madrids. Der Krieg, dessen Fronten plötzlich mitten durch die Leben dieser Menschen verlief, war leider bittere Realität: Der von Juli 1936 bis April 1939 andauernde Kampf der liberalen Regierung Spaniens gegen den Putch durch den faschistischen Diktator Francisco Franco fand seit dem Winter 1936 auch als lang anhaltende Belagerung der Hauptstadt Madrid statt. Der Putschversuch schien nach historischen Quellen zunächst schnell zu scheitern, bis Italien und Deutschland begannen, die Faschisten mit Waffen, Panzern, Bombardierungen und Truppen zu unterstützen. Für Deutschland ist diese Entscheidung Hitlers der erste Einsatz deutscher Truppen im Ausland seit dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Sidenote: Der konstante Granatenbeschuss prägte das Stadtbild Madrids und das Leben seiner Bewohner:innen. Technisch hat sich hier aber eine Ungenauigkeit eingeschlichen: Hagel ist eine inzwischen eher veraltete Bezeichnung für Schrot, also kleine Metallkugeln, die direkt aus Gewehren abgefeuert werden und durch den entstehenden Streueffekt verheerenden Schaden anrichten können. Schrapnell hingegen, ist die Bezeichnung einer Granate, die für einen ähnlichen Effekt mit Metallkugeln gefüllt ist.


Bombeneinschlägen auf und um die Puerta del Sol, von denen einer so groß war, dass er bis zum darunter liegenden U-Bahn-Tunnel durchschlug. | Bildquelle


Auch für unsere Protagonistin ist es das erste Mal in einem Kriegsgebiet. Als Martha Gellhorn am 27. März 1937 nach Madrid kam, zog sie im Hotel Florida in das Zimmer neben dem Ernest Hemmingways, der die 108 bezogen hatte. Bei den Figuren des Concierges und des Zimmermädchens Conchita handelt es sich um Verdichtungen: Zwar sind sie in ihrem Auftreten und Handeln als dramaturgische Mittel erfunden, doch tauchen beide in der Berichterstattung Martha Gellhorns auf. So berichtet sie u.a. in ihrem Artikel High Explosive for Everyone (1937) vom absurden Alltag im belagerten Madrid. Der Granateneinschlag im Zimmer 219 (sowie das zerstörte Bad im Nachbarzimmer) entstammen den Erzählungen des interviewten Personals, genauso wie das Zimmermädchen mit dem Namen Conchita. Auch die aus Blindgängern gebastelten Lampen und die nonchalente Art des Concierges entsprechen Gellhorns Berichten über ihren Aufenthalt.


Hotel Florida (1920) | Bildquelle


Martha Gellhorn

Geboren wurde unsere Protagonistin Martha Ellis Gellhorn 1908 in St. Louis, Missouri als Tochter des deutsch-jüdischen Gynäkologen George Gellhorn und der berühmten Frauenrechtlerin Edna Fischel Gellhorn. Auch wenn unsere Stückfigur die Vorbildfunktion ihres Vaters hervorhebt, wird in ihren Briefen deutlich, welche große Bedeutung ihre Mutter für sie hatte. Sie wuchs in einem privilegierten und progressiven Umfeld auf und wurde durch die Arbeit ihrer Mutter und ihrer Freundschaft zur First Lady Eleanor Roosevelt bereits in jungen Jahren politisch aktiv. Das Berufsziel als Auslandskorrespondentin festigte sich ebenfalls schon früh: Sie brach ihr begonnenes Studium ab und reiste im Alter von 22 Jahren nach Paris, wo sie zunächst für die United Press schrieb. Nach ihrer Entlassung (als Konsequenz ihrer Beschwerde über sexuelle Belästigung im Arbeitskontext) reiste sie durch Europa, schrieb für unterschiedliche amerikanische und französische Zeitungen (sowie Artikel für die Modezeitschrift Vogue), und verfasste neben politischen Beiträgen auch ihr erstes Buch. Nach ihrer Rückkehr in die Staaten beschäftigte sie sich im Auftrag der Federal Emergency Relief Administration mit den Folgen der Great Depression. Auch dieses Arbeitsverhältnis endete in bemerkenswerter Weise: Martha Gellhorn stiftete eine Gruppe von Arbeitern dazu an, die Fenster des FERA- Büros in Idaho einzuschlagen, um Protest an ihrem korrupten Chef zu üben. Ihre Eindrücke über den Alltag der in akuter Armut leidenden Amerikaner hielt sie in ihrem Buch “The Trouble I’ve Seen” fest. Auch wenn Madrid für sie der erste Einsatz als Kriegsjournalistin war, hatte Martha Gellhorn zu diesem Zeitpunkt bereits ein erstaunliches Portfolio vorzuweisen.


Martha Gellhorn und Ernest Hemingway in Hawaii (1941) | Bildquelle


Ernest Hemingway

In Madrid jedoch ist der weltbekannte Ernest Hemingway der Star der Journalismus-Welt. Das verrückte Leben des Schriftstellers, Autors und Abenteurers ist in vielfachen Formen aufgearbeitet und dargestellt worden, in diesem Stück bleibt er dagegen eher eine Fußnote im Leben einer anderen. Dennoch wollen wir kurz auf unsere Darstellung Hemingways eingehen: Ernest Hemingway war durch seinen Roman A Farewell to Arms, der seine Erlebnisse als Krankentransportfahrer im Ersten Weltkrieg nachzeichnet, zu großem Ansehen gekommen und genoss daher gute Verbindungen zu großen Zeitschriften und ein hohes Ansehen bei seinen Kollegen. Hemingway erfüllte dabei eine ganze Reihe männlicher Stereotype: er trank viel, liebte schnelle Autos, gefährliche Sportarten wie Boxen und vor allem den Stierkampf und entwickelte im Laufe seines Lebens diverse extravagante Hobbies, wie die Großwildjagd und das Hochseefischen. Das Schreibduell gegen Paul Allen (und andere große Schriftsteller seiner Zeit) ist zwar eine Erfindung, doch finden sich Hinweise darauf, dass es zu einer Partie russischen Roulettes gekommen sein soll. Was im Stück unerwähnt bleibt: als sich Martha und Ernest begegnen ist der neun Jahre ältere Hemingway bereits zum zweiten Mal verheiratet. Nach seiner Rückkehr aus dem spanischen Bürgerkrieg lässt er sich von Pauline Pfeiffer scheiden. Während der im Stück beschriebene sexuelle Übergriff Hemingways nicht historisch belegt ist, gibt es doch eine Fülle an Hinweisen auf das toxische Verhältnis Hemingways und Gellhorns im Laufe ihrer Beziehung. So berichtet Martha Gellhorn unter anderem davon, dass Ernest sie in ihrem Hotelzimmer eingeschlossen habe.


„Hochzeitsreise“ von Martha Gellhorn und Ernest Hemingway in China (1941); Berichterstattung über den Chinesisch-Japanischen-Krieg | Bildquelle



Hemingways Boot The Pilar | Bildquelle


Robert Capa

Robert Capa, mit bürgerlichem Namen Endre Ernő Friedmann, zählt zu den bedeutendsten Kriegsfotografen der Geschichte. Die biografischen Eckdaten der Figur, die im Stück zur Sprache kommen, entsprechen dabei alle der historischen Realität: Friedmann hatte jüdische Wurzeln, floh zunächst nach Paris, wo er seine romantische wie professionelle Partnerin Gerta Pohorylle kennenlernte, und sie veröffentlichten ihre Arbeiten unter dem Alias des Robert Capa. Friedmann arbeitete im spanischen Bürgerkrieg mit Ernest Hemingway zusammen und setzte seine Berichterstattung an vielzähligen Schauplätzen des zweiten Weltkriegs, des zweiten japanisch-chinesischen Krieges, des Arabisch-Israelischen Krieges von 1948, und schließlich dem Indochina Krieg fort. Auch sein Tod durch die Explosion einer Landmine in der Nähe der vietnamesischen Stadt Thai Bhin entspricht der traurigen Realität. Martha Gellhorn und Endre Friedmann verband eine langjährige Freundschaft, sie widmete ihm mehrere Kurzgeschichten und schrieb ihm Briefe. Die im Stück dargestellte Begegnung in Helsinki ist dabei eine historisch nicht belegte künstlerische Freiheit. Auch die Traum-Sequenz Marthas, indem sie versucht, Capa das Leben zu retten, ist natürlich eine Erfindung.


Robert Capa (1937) Foto von Gerda Taro | Bildquelle


Die Arbeit Robert Capas wirft allerdings auch unter Historikern noch heute Fragen auf. So ist der Verdacht, bei dem fallenden Soldaten handle es sich um ein gestelltes Bild, bis heute nicht abschließend zu beantworten. Außerdem ist die Urheberschaft der Werke, die dem Alias Robert Capa zugeordnet werden, nicht ganz einfach zu entscheiden: Zum Beginn ihrer Zusammenarbeit veröffentlichen Friedmann und Pohorylle ihre Arbeiten noch gemeinsam unter dem Alias und es wird heute angenommen, dass ein beträchtlicher Teil dieser Werke von Gerta Pohorylle geschaffen wurden. Die beiden entschließen sich, ihre Fotografien getrennt, sie unter dem neuen Alias Gerda Taro zu veröffentlichen, bis es auf der Rückreise Gerdas aus der Schlacht von Brunete zu dem beschriebenen tragischen Unglück kommt.


„Der Fallende Soldat“ (1936) von Robert Capa | Bildquelle



Das letzte Foto von Robert Capa | 25. Mai 1954 in der Provinz Thái Bình in Indochina | Bildquelle


Jona

Der charmante junge Soldat, den Martha Gellhorn auf ihren Reisen durch das im Krieg versinkende Europa kennenlernt, ist hingegen keiner historischen Person aus dem Leben der Kriegsreporterin nachempfunden. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Personifizierung mehrerer Motive, durch die sich Themen in Gellhorns Leben auf eine einzige Figur gebündelt darstellen lassen. Zunächst bildet Jona eine Projektionsfläche für Marthas romantische Beziehungen. Nach ihrer gescheiterten Ehe mit Ernest Hemingway durchlebt sie mehrere Liaisons, bevor sie schließlich in 1954 den ehemaligen Chefeditoren der New York Times, T.S. Matthews heiratet. Diese zweite Ehe hält neun Jahre. Vor ihrer Ehe zu Hemingway erregte Gellhorn bereits durch eine Affäre mit dem verheirateten französischen Ökonomen Bertrand de Jouvenel Aufsehen. Auch eine Affäre zum amerikanischen Major General James M. Gavin während ihrer Ehe mit Hemingway gilt als gesichert. Gellhorns Schriften ist zu entnehmen, dass sie stets ein schwieriges Verhältnis zu Sex hatte, und es in ihrer Zeit in den Kriegsgebieten Europas teilweise wie “Brot” war, dass sie an die Hungrigen verteilte. Das Privat- und Sexualleben Gellhorns wurde immer wieder Thema öffentlicher Diskussionen, die in ihren Details letztlich ungeklärt bleiben werden.


Martha Gellhorn (1939) in Kuba. Mit Hemingway hat sie sich die Finca Vigia in Havanna gekauft. | Bildquelle


Darüber hinaus stellt Jona auch eine Auseinandersetzung mit dem journalistischen Berufsethos dar. Ihr Konflikt in Jerusalem ist dabei stellvertretend für die Getriebenheit Gellhorns, durch ihre Arbeit öffentliche Aufmerksamkeit und politische Veränderung zu erreichen. So schrieb Gellhorn bis ins hohe Alter unermüdlich über nahezu alle großen militärischen Konflikte ihrer Generation. Besonders die Gemeinsamkeit der jüdischen Wurzeln, die sie mit dem fiktiven Jona teilt, findet in ihren Artikeln häufig als gesteigerte Aufmerksamkeit für das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft wieder.


Martha Gellhorn (1944) unterwegs mit der 5. Armee in Italien (13. Feb 1944 | Foto von Lieutenant Gade) | Bildquelle




Kriegsschauplätze und Arbeit Gellhorns

Martha Gellhorns journalistisches und schriftstellerisches Wirken ist so umfangreich, dass es auch in den zwei Stunden unseres Stücks nur stark verkürzt dargestellt werden konnte. Neben mehreren Romanen und etlichen Kurzgeschichten schrieb sie insgesamt 58 Jahre lang als Kriegsreporterin. Im stolzen Alter von 82 Jahren ging sie kurz nach der Invasion Panamas durch die USA im Armenviertel Panama City von Tür zu Tür, um durch Befragungen mehr über die zivilen Verluste der Invasion in Erfahrung zu bringen. Das Leid der Zivilbevölkerung, besonders unterdrückter Gruppen und der Alltag in den Kriegsgebieten standen für Gellhorn immer im Fokus ihrer Arbeit. Dabei machte die unerschrockene Gellhorn immer wieder stark belastende Erfahrungen, die sich nachhaltig auf ihre Weltsicht und psychische Gesundheit auswirkten. So schrieb sie nach ihren Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und während der Befreiung der Konzentrationslager über einen Schatten, der sich auf ihr Leben gelegt hatte, den sie nicht wieder loswurde. Ihren letzten Ausflug unternahm die zu diesem Zeitpunkt praktisch blinde Reporterin in 1995, um einen Artikel über die Armut in Brasilien zu verfassen. Obwohl sie ihre eigenen Manuskripte nicht mehr lesen konnte, gelang ihr die Veröffentlichung im Magazin Granta.



Tod Martha Gellhorns

Die im Stück dargestellte Beschreibung der Todesumstände Martha Gellhorns entsprechen weitestgehend der Realität. Die 89 - Jährige litt an stark fortgeschrittenem Krebs in Ovarien und Leber und nahm sich am 15. Februar 1998 durch die Einnahme einer Zyanidkapsel das Leben. Der aufgeräumte Zustand ihrer Wohnung ist ebenfalls überliefert, so hatte sie am Tag ihres Suizids noch den Müll rausgetragen und zuvor mit einem Kollegen telefoniert, um die weltpolitischen Geschehnisse zu besprechen. Auch wenn Grouse Whiskey zu ihren Lieblingsgetränken gezählt haben soll, ist die Vererbung einer Sammlung allerdings reine Fiktion. Ebenso entspringen die Flugtickets für Edna einzig der Feder Philipp Neuweilers.



Erbe Martha Gellhorns

Die Figur der jungen Reporterin, die in die Fußstapfen Martha Gellhorns tritt, ist nämlich ebenfalls erfunden. Sie steht stellvertretend für die vielen jungen Journalist:innen, die Gellhorn im späteren Verlauf ihres Lebens unterstützt hat. In regelmäßigen Treffen in ihrem Haus half sie angehenden jungen Kolleg:innen, in der Branche Fuß zu fassen, unterstützte sie mit Rat und Tat und diskutierte mit ihnen die Ergebnisse ihrer Arbeiten und die Geschehnisse in der Welt. Neben etlichen Auszeichnungen besteht bis heute eine aus Martha Gellhorns Nachlass gespeiste Stiftung, die den Martha-Gellhorn-Preis für investigativen Journalismus vergibt. Preisträger sind beispielsweise Julien Assange (Wiki-Leaks).

Die lebenslange Mission Gellhorns, gegen den Krieg anzuschreiben und furchtlos über die militärischen Konflikte unserer Welt zu berichten, wird damit auch heute weiter fortgeführt.



Materialsammlung

Die nachfolgenden Quellen bilden die Grundlage für unser Stück und bieten einzigartige Einblicke in das Leben von Martha Gellhorn. Kommentare stammen von Philipp Neuweiler.

Bücher


„The Face of War“ – Reportagesammlung von Martha Gellhorn. Erstmals erschienen 1959. | Bildquelle


Reportagen von Martha Gellhorn


Omaha Beach am 9. Juni 1944. Drei Tage nach dem D-Day. | Bildquelle


Reportagen von Hemingway und Capa


Taxis to Hell – and Back – Into the Jaws of Death. Foto von Robert F. Sargent vom D-Day (6. Juni 1944). | Bildquelle


Weitere Webartikel

Interviews mit Gellhorn


Martha Gellhorn im Interview (1983) | Bildquelle


Dokumentarfilme


Gerda Taro und Robert Capa | Bildquelle


Podcasts


Martha Gellhorn Briefmarke aus dem Jahr 2008 | United States Postal Service | Bildquelle


Erklärstücke


Hemingway mit seinen Söhnen und Katzen (1942) | Bildquelle


Populärkultur


Spielfilm „Hemingway & Gellhorn“ (2012) von Philip Kaufman. Mit Clive Owen als Hemingway und Nicole Kidman als Gellhorn. | Bildquelle


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